|
By Rüdiger SCHACHT, (in German) Kieler Nachrichten Germany
Westafrika ist eine der vom Klimawandel am stärksten betroffenen
Regionen der Erde. Immer unregelmässigere Regenfälle und die zunehmende
Ausbreitung der Sahara verderben die Ernten und vertreiben die
Landbevölkerung. Die Republik Mali sucht nach Wegen, um sich den Folgen
des Klimawandels anzupassen
„Probleme in Afrika?“ lacht unser einheimischer Führer Barry Amadou und zeigt sein breitetestes Grinsen, „Nein, hier in Afrika gibt es nur Lösungen!“ Der 42 jährige wurde in der Hauptstadt Malis, Bamako, geboren und arbeitet seit rund fünf Jahren für die französische Immigrationsbehörde in Paris. Die meiste Zeit des Jahres und lebt er in der französischen Hauptstadt und betreut afrikanische Einwanderer bei der Erledigung der Einwanderungsformalitäten. Während der übrigen Zeit führt er Reisegruppen – wie die unsere, von der UN organisierte – in seinem Heimatland.
Mali, ein Land mit langer, stolzer Geschichte, dessen ehemaliges Zentrum Timbuktu im Mittelalter berühmt für seinen sagenhaften Reichtum war, versinkt zusehens im Sand und Staub der Sahara. Anstelle des ehemaligen Gold und Elfenbein-Reichtums der Region treten heute die Wüstenbildung, Überflutungen sowie die Absenkung des Grundwasser- und Nigerwasserspiegels. Auf den ehemals fruchtbaren Böden am Nigerufer verdorren die, immer noch von Hand einzeln gesetzten, Pflanzen auf den Feldern. Rund zweieinhalb mal grösser als Spanien, zwischen Algerien, Guinea, Burkina Faso und der Elfenbeinküste gelegen, hat das Land einen bedeutenden Anteil an der Sahara, der Sahelzone und dem Sudan. Seine Klimazonen reichen vom tropisch-feuchten Sudan-Klima des Südens bis zum Wüstenklima der Sahara. Zwei Drittel seiner Landesfläche sind Wüste, deren Fläche - einhergehend mit zunehmender Verarmrung der Landbevölkerung - täglich zunimmt.
„Sand und Staub“, sagt der Chef des Ministeriums für Verwüstung, Entwaldung und Bodenerosion Malis, Mamadou Gakou „sind zwei der grössten Probleme hier in Mali.“ Vom Wind aus der Sahara herangetragen, verteilt er sich überall im Land – verstopft die Filter von Motoren und Kühlaggregaten und bindet die ohnehin schon rückläufigen Wassermassen des Nigers. Wie ein feines Tuch legt er sich über das Land und verwandelt die wenigen Oberflächengewässer in dickflüssige Schlammbrühen. Mit dem Staub wurden bisher für Mali unbekannte Pflanzensamen in das Land geweht, die in den Schlamm hervorragend gedeihen und lange, seetangartige Pflanzen ausbilden. „Als biologische Barrieren, machen sie den Flussschiffern und Fischern das Leben schwer und verstopfen die Zuflüsse der Turbinen unser Wasserkraftwerke“, so Gakou.
Seit Beginn der 70er Jahre nehmen in Westafrika die Niederschlagsmengen dramatisch ab. Der Regen wird immer unregelmässiger und bleibt häufig jahrelang völlig aus. Die 1200 Millimeter-Niederschlagsisobare (Isohyete), die der Behörde als Mass für eine ausreichende Bewässerung der Äcker dient, wandert immer weiter nach Süden und mit ihr tausende von Bauern und Farmern aus dem ehemals fruchtbaren Bereich am Niger.
„Menschen, die in ihrem Stammland alles verloren haben und jetzt auf der Flucht sind vor einem unbekannten und übermächtigen Feind: dem Klimawandel“, führt der studierte Geograph aus. Neben den ethnischen Problemen, die mit der Verdrängung ganzer Volksgruppen aus ihrer Heimat einhergehen, bringt die Flucht vor der Trockenheit dem Land auch erhebliche Ackerland- und Nahrungsmitteleinbussen. War Mali einst bedeutender Reislieferant an seine Nachbarn, so zwingen die ausbleibenden Ernteerträge Mali heute schon rund zwanzig Prozent seines Reisbedarfs zu importieren. „An die Stelle ehemals fruchtbaren Ackerlandes und saftiger Weiden treten jetzt Strauch- und Trockensavannen, die weder Mensch noch Tier ernähren können“, so Gakou.
Zum Ausbleiben der Niederschläge gesellt sich seit einigen Jahren ein Problem, dass auf den ersten Blick so gar nicht zur Trockenheit passen zu scheint: Überflutungen. Seit einigen Jahren gehen die wenigen Niederschläge immer häufiger als sintflutartige Starkregen nieder, die die wenigen Abflüsse komplett überfordern und – wie Ende August bei den östlichen Nachbarn Malis grossflächig geschehen – ganze Regionen überfluten. „Das uralte Gleichgewicht zwischen Trocken- und Regenzeit ist komplett aus den Fugen geraten“, sagt die Bäuerin Sali Samake aus dem Dorf Tamala mit einem sorgenvollen Blick auf ihren Maisacker. „Die Regenzeit setzt von Jahr ein zu Jahr später ein und macht den gewohnten Pflanz- und Ernterhythmus fast unmöglich. Hinzu kommt noch, das die Regenfluten uns jetzt auch noch die fruchtbare Ackerkrume wegspülen.“
Doch Malis Menschen geben nicht auf. So gut es eben geht, versuchen sie gegenzusteuern und sich dem Klimawandel anzupassen. Unterstützt von ausländischen Hilfsorganisationen hat Malis Regierung einige Projekt auf den Weg gebracht, die die Situation dokumentieren und – wenn möglich – Abhilfe schaffen sollen. „Das beginnt mit der Sammlung elementarer Klima- und Niederschlagsdaten, geht über die Ausbildung der Landbevölkerung und mündet schliesslich im Regenmachen“, erläutert Gakou. „Nur mit verlässlichen Daten können wir uns einen Überblick über das Ausmass der Veränderungen verschaffen und den Wandel wissenschaftlich einwandfrei dokumentieren.“ Wie auf dem Acker von Bäuerin Samake messen landesweit schon rund 1500 Messstellen die täglichen Regenmengen. So erhällt Gakous Behörde erstmals verlässliche Daten aus den nur schwer zugänglichen ländlichen Bereichen des Landes. Mitten auf dem Acker von Frau Samake steht es jetzt, das äusserlich an ein übergrosses Sektglas erinnernde Regenmessgerät. Im Inneren des nach oben offenen Trichters befindet sich ein Gefäss mit einer Skala, die täglich von den beteiligten Bauern abgelesen wird. Wöchentlich leiten sie ihre Daten an die Erfassungsstelle der Behörde weiter. „Zum ersten mal haben wir ein Mass, wie stark die Niederschlagsmengen vor Ort variieren“ erläutert die Bäuerin. Die zwölffache Mutter ist von Anfang an an dem Projekt beteiligt und sichtlich begeistert von dem Gerät, dass so gar nicht in die archaisch anmutende Umgebung mit ochsengezogenen Pflügen zu passen scheint. „Meine Kinder und Nachbarn haben sich längst an den merkwürdigen Apparat auf unserem Maisacker gewöhnt.“ Auch die anfängliche Skepsis der Dorfbewohner konnte sie mit Hilfe der genauen Werte ausräumen. „So haben wir jetzt erstmals das Gefühl selbst auch etwas gegen den Wandel um uns herum tun zu können und nicht nur sein hilfloses Opfer zu sein“, sagt Samake entschlossen.
Um schon die nachwachsende Bevölkerung frühzeitig an die Umweltprobleme und mögliche Lösungen heranzuführen, wird nahe Ouéléssébougou gerade ein so genanntes Bio-Kamp aufgebaut. In einem für drei Jahre angelegten Pilotprojekt soll Jugendlichen und Heranwachsenden aus der Umgebung beigebracht werden, welche Pflanzen man am besten wann und wo anbaut und wie Wasser eingespart oder gar gewonnen werden kann. Zu praktischen Tips zum Ackerbau kommen Grundlagen und Spezialwissen zur Biologie der Pflanzen und technische Anleitungen etwa zum Brunnenbau. Einen ganz speziellen Weg der Wasserbeschaffung beschritt Mali in Zusammenarbeit mit der US-Firma „Weather Modification Corp.“: Seit Mai 2006 versucht man mit einigem Erfolg künstlich Regen zu machen. In Bamako (West-), Ouéléssébougou (Zentral-), und Kidal (Ostmali) stehen Flugzeuge mit Sprüheinrichtungen bereit, die an Vorrichtungen zum Ausbringen von Pestiziden erinnen. „Nein nein“, sagt der Meteorologe Laouola san Asarrm vom meteorologischen Dienst Mali. „Hier werden keine Pestizide verspritzt, sondern fein gemahlenes Salz ausgebracht.“ Haben die Meteorologen einmal mit dem Radar eine vielversprechende Wolke erspäht, schicken sie ein mit Salz beladenes Flugzeug in ihre Richtung. „In der Wolke angekommen versprüht es das Salz und stellt den feinen Wasserströpfen der Wolke die nötigen Kondensationkeime zur Verfügung damit sich grössere Tropfen bilden können, die dann als Regen zur Erde fallen. „Mit Hilfe der Flugzeuge konnten wir eine lokale Steigerung der Niederschläge um 15 bis 20 Prozent erreichen“, erläutert Asarrm stolz. Aber auch mit diesen technischen Raffinessen lässt sich das Fehlen von Regen nur bedingt ausgleichen – zumal geeignete Wolken nicht jeden Tag zur Verfügung stehen. „Wir brauchen Hilfe von der internationalen Staatengemeinschaft, um unsere Projekte weiter auszubauen“, so Asarrm. „Um dem grossen oberflächlichen Abfluss der Regenmengen zu begegnen und das Wasser etwa für Bewässerungen nutzen zu können, planen wir den Bau von Dämmen und Rückhaltebecken. Aber das kostet alles viel, viel Geld.“
Desillusioniert aber von typisch afrikanischem Improvisationstalent beseelt blicken Malis Menschen weiter nach vorn und arbeiten an speziellen Lösungen für ihr Land. Aber was ist mit der internationalen Politik, den Versprechungen und Zusagen vergangener Jahre? Kann Mali auf konkrete Ergebnisse und Zusagen bei der kommenden Weltklimakonferenz in Kopenhagen setzen? „Was ich von der Weltklimakonferenz im Herbst erwarte?“ so Gakou auf die Frage nach den zukünftigen Aussichten auf Hilfe durch die UN und den Weltklimarat. „Nun, wir hoffen, dass die Industrienationen endlich ihrer Verantwortung am Klimawandel gerecht werden, ihren Worten auch endlich Taten folgen lassen und ihren CO2-Ausstoss sofort um mindestens 20 bis 30 Prozent reduzieren. Ausserdem müssen die Industrieländer uns helfen, damit wir uns besser an die Folgen des immer schneller fortschreitenden Klimawandels anpassen können.“ Grosse Hoffnungen setzen die Menschen etwa auf einen erleichterten Technologietransfer, der es ihnen ermöglicht neue Technologien nutzen zu können ohne sich an den Patentzahlungen noch weiter verschulden zu müssen. Gakous Blick senkt sich und mit einem einem traurigen Augenzwinkern fügt er hinzu: „Naja, Klimagerechtigkeit wäre hier das passende Stichwort – zumal Afrika nur rund drei Prozent zum weltweiten Treibhausgasausstoss beiträgt, aber umso mehr unter dessen Folgen leidet. Aber grosse Hoffnungen auf die baldige Einlösung längst gegebener internationaler Versprechen habe ich nicht mehr. Nur zerrinnt uns hier in Afrika die Zeit zwischen den Fingern – genauso wie der ehemals fruchtbare Boden!“
ORIGINAL ARTICLE in PDF
|