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By Gerhard SAMULAT, schlaulesen.de (in German)
Mit Michel Jarraud lässt sich trefflich übers Wetter reden: Er ist
Generalsekretär der World Meteorological Organization WMO, der
internationalen Vereinigung der Meteorologen und Klimaforscher. Aus ihr
ging vor einigen Jahren auch das zwischenstaatliche Expertengremium
IPCC hervor, das für seine Warnungen vor dem Klimawandel zusammen mit
dem ehemaligen US-Vizepräsidenten und heutigen Handlungsreisenden in
Sachen Umwelt, Al Gore, vor zwei Jahren mit dem Friedensnobelpreis
ausgezeichnet wurde. Gerhard Samulat sprach mit Generalsekretär Michel
Jarraud über klimatische Gefahren und Perspektiven.
Samulat: Was ist von Kopenhagen zu erwarten?
Jarraud: Aufgabe der Politiker in Kopenhagen wird es sein, sich Gedanken zu machen über eine Anpassung an eine sich verschlechternde Situation. Denn selbst wenn wir alle Treibhausgasemissionen sofort stoppen könnten, gebe es noch einen spürbaren Wandel. Beispielsweise muss Vorsorge gegen Naturkatastrophen wie Wirbelstürmen, Überflutungen oder Dürren getroffen werden, die künftig wohl häufiger über uns hereinbrechen werden und auf allen Kontinenten das Leben bedroht. Europa ist da nicht ausgenommen. Man denke nur an die Hitzewelle im Jahre 2003, die Tausenden von Menschen das Leben kostete.
Samulat: Wie genau sind die Prognosen?
Jarraud: Mit jedem Bericht stieg die Sicherheit, dass der Klimawandel menschengemacht ist. Der Report des Intergovernmental Panel on Climate Change IPCC geht jetzt davon aus, dass sich das Weltklima durchschnittlich um zwei bis 4,5 Grad erhöht. Unsere Modelle sind da heute deutlich genauer geworden. Nun können wir sogar prognostizieren, wie sich die Lage in unterschiedlichen Regionen ändert, in Gebirgen oder im Flachland, mit welchen Niederschlägen beispielsweise im Mittelmeer zu rechnen ist oder was der Klimawandel für die Ozeane bedeutet, wenngleich wir nicht von der gleichen Präzision träumen können, wie bei der täglichen Wettervorhersage.
Der El-Niño ist die große Unbekannte
Zudem können wir einige Effekte noch immer nicht mit ausreichender Genauigkeit beschreiben. Zum Beispiel ist noch nicht klar, wie groß beispielsweise der Einfluss des regelmäßig wiederkehrenden El-Niños auf den Klimawandel ist (Anm. d. Red.: Das sind gewaltige zyklische Luft- und Wassermassenbewegungen im pazifischen Raum). Ferner gibt es unter uns Wissenschaftlern Diskussionen, ob es in den Tropen künftig wirklich mehr Hurrikane geben wird. Augenscheinlich scheint es jedenfalls mehr von den starken Stürmen zu geben, von der Heftigkeit eines Wirbelsturmes wie Katrina, der im Jahr 2005 die Millionenstadt New Orleans unter Wasser setzte.
Wir verbessern darüber hinaus kontinuierlich unsere Langzeitvorhersagen. Zum Beispiel bieten wir Afrika bereits Monate im Voraus eine Prognose für die nächste Regenzeit an. Wichtige Fragen sind: Beginnt sie früher als normal? Ist sie länger? Intensiver? Die dort heimischen Bauern brauchen das für die Planung ihrer Saat und Ernte.
Samulat: Aber Restunsicherheiten bleiben.
Jarraud: Selbstverständlich. Das führt oft zu einem Dilemma. Für Entscheidungsträger ist es erfahrungsgemäß schwer, mit Wahrscheinlichkeiten umzugehen. Sie lieben Aussagen wie Ja oder Nein. Dennoch können wir in vielen Fällen bereits mit hoher Sicherheit Monate im Voraus Prognosen wagen, beispielsweise dass es im Norden Brasiliens eine Dürre gibt, wenn sich der El-Niño ausbildet. Das können wir, weil die Ozeane träge reagieren. Das wirkt stabilisierend. Wir werden aber voraussichtlich niemals in der Lage sein, so etwas wie einen Tornado früher als einige Stunden im Voraus vorhersagen zu können.
»Die Geschwindigkeit, mit der die Polkappen schmelzen, hat viele Wissenschaftler überrascht«
Verzwickt sind überdies sich selbst verstärkende Klimaerscheinungen. Ein Beispiel ist das Abschmelzen der Polarkappen: Je stärker das Eis schmilzt, desto weniger reflektiert es das Sonnenlicht, umso eher erwärmt sich das Gebiet. Und das Eis schmilzt noch rascher. Da kann es auch für uns noch zu Überraschungen kommen. Ernste Sorgen macht uns derzeit zudem das Abschmelzen des Eises auf dem Land, auf Grönland, der Antarktis und in den Gebirgen. Dadurch steigen die Meeresspiegel. Das wird derzeit genauestens untersucht und es wird bald einen IPCC-Report dazu geben. Klar scheint zu sein, dass dieser Prozess schneller zu sein scheint als viele Wissenschaftler es vorausgesehen haben.
Samulat: Es gibt aber doch noch viele Skeptiker, die den Klimawandel leugnen, zumindest dass er von Menschen gemacht ist.
Jarraud: Der IPCC-Report spiegelt einen außergewöhnlich hohen Konsens der Wissenschaft wider. Die Skeptiker bilden dagegen eine Minderheit, die von Tag zu Tag kleiner wird. Selbstverständlich sind alle Aussagen über das Wetter und das Klima mit Unsicherheiten verbunden. Das bedeutet aber nicht, dass es keinen wissenschaftlichen Konsens für die große Linie gibt.
Samulat: Wie sieht es eigentlich mit dem wirtschaftlichen Schaden des Klimawandels aus? Der britische Ökonomen Nicholas Stern schätzt die Kosten des Klimawandels auf jährlich wenigstens fünf Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts. Wenn wir nicht umgehend handeln, wird es sogar deutlich mehr.
Jarraud: Mit seinem Report hat Stern im Jahre 2006 vielen Leuten die Augen geöffnet. Vorher arbeiteten Klimatologen und Wirtschaftswissenschaftler aneinander vorbei, manchmal sogar gegeneinander. Die ganze Frage über die Höhe der Kosten steckt aber noch in den Anfängen. Wir bräuchten viel mehr Leute, die beide Disziplinen kombinieren, was sicherlich nicht einfach ist: Sind Klima-Vorhersagen bereits komplex, so gilt dies noch mehr für die Finanzmärkte. Das liegt unter anderem daran, dass wenn die Leute die Vorhersagen ernst nehmen, es oft das Ergebnis verändert. Das ist beim Klima – glücklicherweise – nicht so.
»Jeder Euro für die Wetterdienste bringt der Volkswirtschaft zehnfachen Gewinn«
Mit der Weltbank versuchen wir nun zudem, den Nutzen von Investitionen in die Wetter- sowie Klimainfrastrukturen abzuschätzen. Dabei kam heraus, dass eine Investition von einem Euro in Vorhersagemodelle oder in den Ausbau von Messstationen der metrologischen Dienste im Schnitt einen volkswirtschaftlichen Nutzen von mehr als zehn Euro erbringt, egal ob in Entwicklungsländern oder Industriestaaten. Bei dieser Rendite könnte ich mir vorstellen, dass viele Unternehmen großes Interesse hätten, zu investieren (lacht). Leider erhielte nicht eine einzige Person den »Jackpot«. Den »Gewinn« streicht die nationale Wirtschaft ein, die Landwirtschaft oder Versicherungen. Es wäre ein ethisches Investment.
Ferner versuchen wir in einem weiteren Projekt mit der Weltbank zusammen mit dem Welt-Ernährungsprogramm und dem meteorologischen Dienst Äthiopiens einen sogenannten Dürre-Index zu definieren. Oft reagiert die internationale Gemeinschaft auf Katastrophen erst, wenn Menschen sterben oder die Medien anfangen, darüber zu berichteten. Wir wollen früher dagegenhalten, wenn klimatische Indikatoren bereits darauf hinweisen, dass in absehbarer Zeit beispielsweise mit einer Dürre zu rechnen ist. Der metrologische Dienst übernimmt in diesem Programm so etwas wie die Rolle des Schiedsrichter: Sind gewisse Grenzwerte erreicht, löst das automatisch Hilfsleistungen aus, mit denen etwa Nahrungsmittel gekauft werden können. Das betroffene Land muss also nicht erst warten, bis es zu spät ist. Die Weltbank garantiert dabei die Finanzierung. Ein ähnliches Projekt findet in Mali statt. Wenn sich die als erfolgreich herausstellen, wollen wir sie auf andere Länder ausdehnen.
Samulat: Gibt es auch Gewinner des Klimawandels?
Russland und Kanada könnten vom Klimawandel profitieren
Jarraud: Russland könnte ein solcher sein. Einige Wirtschaftszweige könnten dort vom Auftauen des Permafrostbodens profitieren. Die landwirtschaftlich nutzbare Fläche des Landes verschöbe sich nach Norden. Ferner erleichtert sich der Zugang zu den Ressourcen im Polarmeer. Der Süden dieses riesigen Landes wird dessen ungeachtet unter dem Klimawandel leiden. Wegen Wassermangel wird es dort öfter Dürren geben.
Aber auch in Deutschland hören einige Industrievertreter das Wort Klimawandel nur sehr ungern. Trotzdem akzeptieren mittlerweile alle Regierungen, dass etwas gegen den Klimawandel unternommen werden muss. Die Frage ist ausschließlich, was und mit welcher Geschwindigkeit. Und wer wie viel zahlen soll. Das wird dann im Dezember in Kopenhagen verhandelt. Wir liefern ausschließlich die wissenschaftlichen Fakten.
Samulat: Wer etwas über Klimafragen liest, wird oft erschlagen von den vielen verschiedenen Organisationen, die sich damit beschäftigen. Können Sie ein wenig Ordnung in unser Leben bringen. Wie ist beispielsweise die Verbindung der WMO zum IPCC?
Jarraud: Die Politiker orientieren sich an Fakten aus mehreren Quellen. Eine wichtige ist der IPCC-Report. Dieses Intergovernal Panel of Climate Change wurde im November 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und unserer Organisation ins Leben gerufen. Die IPCC-Mitarbeiter sitzen hier in Genf im gleichen Gebäude wie wir. Viele Menschen wissen aber nicht, dass das IPCC selbst keine Forschung betreibt. Die Autoren fassen ausschließlich den Stand des Wissens zusammen. Der basiert auf Erkenntnisse, die beispielsweise im Weltklimaforschungsprogramm (WCRP) erarbeitet werden, einem Programm, das von der UNESCO – die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur – und uns unterstützt wird.
Zudem orientieren sich die Politiker an der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen UNFCC (United Nations Framework Convention on Climate Change). Die besitzt zwei ständige Untereinheiten, den Subsidiary Body for Implementation (SBI, Nebenstelle für das Inkraftsetzen) und den Subsidiary Body for Scientific and Technological Advice (SBSTA, Nebenstelle für wissenschaftlich-technische Beratung). Beide werden von der World Meteorological Organization mit Daten versorgt. Wir liefern also die Grundlagen für die politische Entscheidungsfindung.
Das Gespräch führte Gerhard Samulat.
Links zum Thema:
* World Meteorological Organization
* Michel Jarraud
* IPCC - Intergovernmental Panel on Climate Change
* Weltklimaforschungsprogramm (WCRP)
* Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen
ORIGINAL ARTICLE
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